Claras Mathemonster

24. Juni 2018

Clara* hatte in ihrer Schullaufbahn viele schlimme Sachen erlebt. Als sie in die Schule kam, war sie sehr motiviert. Aber schnell zeigte sich, dass sie in Mathematik Schwierigkeiten hatte. Schon in der zweiten Klasse brauchte sie mehr Zeit als die anderen Kinder und ihre Lehrerin reagierte ziemlich gemein. Einmal wurde Clara z.B. von ihr gefragt, ob sie „dumm“ sei. Seitdem hatte sie große Angst, obwohl sie sich immer anstrengte und viel lernte. Nach vielen Konflikten und Auseinandersetzungen, wechselte sie zwei Mal die Schule. An der zweiten Schule fühlte sie sich etwas wohler. Aber was blieb, war, dass sie regelmäßige Blackouts im Mathematikunterricht hatte. Sie versuchte alles so gründlich wie möglich zu bearbeiten und setzte sich stundenlang zuhause hin, um es zu verstehen. Doch sobald sie von ihrer Lehrerin angesprochen wurde und sie etwas laut vor der Klasse sagen sollte, war alles weg. Ihre Angst bloßgestellt zu werden, wurde so immer größer. Also duckte sie sich weg, was ihr natürlich nicht immer gelingen konnte und sammelte dadurch weiterhin schlechte Erfahrungen.

„Bist du dumm?“ – Claras Lehrerin in der 2. Klasse

Zwei Jahre Lerntherapie

Wir begannen mit der Therapie und ich bemerkte schnell, dass Claras Angst vor Mathematik eine viel größere Rolle spielte, als ihre Schwierigkeiten in Mathematik. Die Angst zeigte sich nämlich auch in der Therapie. Selbst in dem vertrauten Rahmen kamen Claras Blackouts.

Bild - Matheangst

Ich bat Clara in einer Therapiestunde der Angst ein Gesicht zu geben und ihre Matheangst zu zeichnen. Ich war sehr beeindruckt, wie es ihr gelang, ihr Gefühl zu verbildlichen. Sie nannte das Etwas im Hintergrund „Fussel!“ und von nun an hatten wir einen Anker, wenn wir über ihre Matheangst sprachen. Ich konnte in vielen Situationen erfragen, ob der Fussel gerade da sei. Wenn dies der Fall war, wusste ich, dass Clara etwas Anderes benötigt als noch mehr Erklärungen oder veränderte Aufgaben.

Die Therapie schritt voran und es zeigte sich, dass Clara sehr wohl Rechnen konnte. Auch schwierigere Inhalte konnte sie verstehen, sie brauchte nur etwas mehr Zeit. Leider eskalierte zu dieser Zeit auch ein Konflikt an ihrer Schule, in Folge dessen sie die Schule ein halbes Jahr vor den Prüfungen zum mittleren Schulabschluss verließ. Clara hatte krankheitsbedingt häufig gefehlt und die Schule verweigerte ihr deswegen den Schulabschluss. Ärztliche Atteste erkannte die Schule nicht an. Und schon wieder erlebte Clara, dass sie nicht ernst genommen und unfair behandelt wurde.

Sie machte ein halbes Jahr Pause und wechselte an eine Schule, an der Schulabschlüsse nachgeholt werden können. Dieser Neuanfang stellte sich als genau richtig heraus. Sie war sehr mutig und ging von Anfang an offener mit ihren Schwierigkeiten und Ängsten in Mathematik um. Und plötzlich …

Wie es weiterging

… konnte sie rechnen. Sie verstand die Inhalte, arbeitete schnell und gründlich, schrieb eine 1 nach der nächsten und wurde nun von ihren Mitschülerinnen gefragt, wenn diese etwas nicht verstanden hatten. Clara konnte es nicht so richtig fassen, welche Erfahrungen sie machte. In der letzten Stunde unserer Therapie – sie war inzwischen 18 Jahre alt – fragte ich sie, ob und wie sich das Bild verändert hatte. Sie antwortete:

 

 „Der Fussel ist zwar noch da, aber er liegt da unten klein zusammengerollt.“


*Den Namen habe ich geändert.

 

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